Die Flasche im Busch. Ein Versuch über Wut.

Die Szene

Gestern Abend, beim Spaziergang mit meiner Hündin. Vor mir zwei junge Männer, einer hält eine leere Plastikflasche in der Hand und ich ahne schon, was kommt. Kurz vor dem Bäcker auf der linken und dem öffentlichen Mülleimer auf der rechten Seite, wirft er die Flasche etwa drei Meter neben die Tonne in einen Busch.

Ganz selbstverständlich. Als wäre nichts dabei. Ohne Drama, ohne Aufregung. Einfach so.

Die Wut

In mir schießt etwas hoch. Ich bin zu weit weg, mein Schrei würde sie nicht erreichen. Ein Teil von mir will losrennen, brüllen, ihn zur Rede stellen. Ein anderer Teil hat Angst… es ist dunkel, die beiden sind zu zweit, was, wenn sie ausfällig werden, aggressiv?

Also bleibe ich stumm. In meinem Kopf aber explodiert es: Gedankenfetzen, Szenarien, eine merkwürdige Stille voller Hass und Wut. Und dann diese Frage, die alles durchschneidet: Warum trifft mich das so hart?

Ich sehe ständig Müll. Überall. Ich denke an die Reinigungskräfte, die alles aufsammeln müssen, die schwindende Schönheit der Straßen, der Grünflächen. Etwas in mir trauert.

Die Frage nach innen

Was macht mich so wütend? Diese Wut will tiefer tauchen, in mich hinein. Sie spricht nur zu mir, wenn ich ganz still bin. Sie ist so laut geworden, weil ich selbst so laut geworden bin und nichts mehr höre. Sie hat ihre Worte verloren, ist zu einem Schrei geworden. Ein Schrei aus der Tiefe, damit er mich in der Höhe erreicht.

„Abgehoben bist du“, sagt sie mir. „Das Leid der anderen hörst du nicht mehr.“

Die Füße vom Boden weg. Ich habe den Halt verloren, die Haftung. Und vielleicht ist das der Punkt: Wo werfe ich etwas weg, nicht physisch, aber im übertragenen Sinn? Wo verschmutze ich den Raum, den ich mit anderen teile?

Die Botschaft der Wut

Ich stelle mir vor, wie die Wut durch meinen Körper läuft wie Treibstoff durch einen Motor. Sie will mich in Bewegung bringen. Sie sagt nicht: „Gib auf.“ Sie sagt: „Handle.“

Was hätte ich in diesem Moment tun können? Die Zeit gab mir keine Chance, die beiden anzusprechen, sie hatte mich nach hinten versetzt, außer Reichweite. Aber sie hatte mir etwas anderes ermöglicht: Ich hätte die Flasche aufheben können. Den Müll wegräumen. Nicht für sie. Für mich. Für die Straße.

„Aha“, denke ich sofort trotzig, „ich soll also meine Zeit verschwenden und den Mist von anderen sauber machen? Ihr Ego unterstützen indem sie von mir profitieren?

Aber dann wird mir klar: Es geht nicht um Gerechtigkeit. Es geht um Integrität. Wenn ich auf der Suche nach Klarheit bin, nach einem Leben, das stimmt, dann ist die Wut kein Gegner, sie ist ein Kompass. Sie zeigt mir, wo ich gefordert bin. Wo ich gebraucht werde, auch wenn es absurd erscheint.

Die Erde unter den Füßen

Die Erde trägt uns alle. Das ist keine Metapher, es ist eine Tatsache. Und wenn ich eine Suchende bin, dann trägt mich der Boden zu meinem Ziel. Aber das Ziel liegt nicht in der Theorie, nicht in schönen Gedanken oder spirituellen Einsichten. Es liegt im Hier und Jetzt. Im Innehalten. Im Aufheben. Im Tun.

Alles, was ich nicht auf der Erde verwirkliche, bleibt abstrakt. Es kommt nicht an…weder bei mir, noch bei anderen. Eine Eingebung oder ein Impuls, muss durch meinen Körper laufen, durch mein System, bevor er zur Handlung wird. Erst dann ist er real.

Die Flasche im Busch ist nicht das Problem. Sie ist die Gelegenheit.

Was bleibt

Ich habe die Flasche gestern Abend nicht aufgehoben. Ich war zu beschäftigt damit, wütend zu sein, zu überlegen, was richtig und falsch ist, wer hier der Schuldige ist. Aber die Wut hat mir etwas gezeigt: Sie will mich erden. Sie will, dass ich aufhöre, über den Dingen zu schweben, und anfange, sie anzufassen.

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